Cocktailsessel selbst polstern

14:39 Marie 4 Comments

Heute zeige ich euch, wie ich einen alten Cocktailsessel selbst gepolstert habe.
Zu Beginn des Projekts war mir zwar klar, dass das nicht an einem Nachmittag erledigt wäre, aber irgendwie hat es sich dann durch aufgeschobene Entscheidungen und mangelnde Prioritäten doch etwas länger hingezogen...


Mit dem Endresultat bin ich aber jetzt super zufrieden! Der Sessel ist wirklich bequem und die Notlösungen mit den Abnähern und den Falten an den Ecken der Lehne mit denen ich so lange gehadert hatte, haben mich echt überzeugt.


Am liebsten würde ich den halben Tag über die Lehne streicheln. Die Abnäher geben dem Sessel nochmal ein Design-Detail mehr und dadurch schlägt der Stoff keine Wellen. Ich bin echt super glücklich mit dem Ergebnis.


Wenn ich die Zeit mal versuche zusammen zu rechnen, würde ich schätzen, dass alles insgesamt so 10-12h gedauert hat. Insgesamt hat das selbstständige Polstern so ca 70€ gekostet.


Es folgen wieder mal drölf Myonen Bilder vom Auseinandernehmen und wieder Zusammenbauen.


Man braucht:

Jute ca 60x150cm
Schaumstoff 3cm dick 50x80cm
Schaumstoff 1cm dick 50x80cm
ca 2,5m Volumenvlies (ich glaube, ich hatte 300g/m2)
Schnur 3mm dick ca 1,5m lang
Stift, Schere, Tackerpistole mit Tackerklammern
Sprühkleber, Stecknadeln
Zange, Hammer, Schraubenzieher
ca 16 Nägel
Nähmaschine, Garn, Reißverschlussfuß, Schnittmusterpapier


Das obligatorische Vorher-Foto. Der Bezug hatte bessere Zeiten gesehen, aber wäre auch ohne Löcher nicht mein Fall gewesen...


Wer ebenfalls einen Sessel polstern möchte, dem empfehle ich möglichst viele Fotos zu machen. So weiß man hinterher ganz sicher, was wohin gehört...


Zunächst habe ich alle Klammern aus dem Boden gezogen. Ging mit einem flachen Schraubenzieher ganz gut. 



Um den Schraubenzieher nicht zu sehr zu verbiegen, bin ich irgendwann auf eine Zange umgestiegen...
Da die alten Klammern zum Teil beim Herausziehen abbrachen, habe ich herausstiebelnde Stücke mit einem Hammer im Holz versenkt.


Irgendein bisschen ekliges Krümelzeug kam da raus.... Aber man sieht ganz gut, wie die Pappe und das Rückteil gearbeitet wurden.


Mit dem Nahtauftrenner habe ich den Stoff der Rückseite freigelegt. In diesem Fall war die Naht nicht mal wirklich versteckt genäht worden. Der Stoff hat den schwarzen Faden auch so ganz gut getarnt.


Anscheinend war der Sessel irgendwann mal nass...


Ohne die Pappe sieht man das Holzgerippe...



Warum liegt denn da... ;)


Da dachte ich noch, schön alles entfernen. Ich mach das Ding neu mit Plastikpolster und nicht so oldschool organisch...



So ganz nackig hatte der Sessel auch was...


Ursprünglich hatte ich vor, das ganze Stroh zu entfernen und den Sessel komplett neu zu polstern. Dann habe ich gesehen, wie wahnsinnig ordentlich das Stroh MIT Stroh vernäht war, und habe alles bereits rausgezupfte Trockenmaterial wieder unauffällig zurück gestopft. SO ordentlich wie das gefertigt wurde, wird das auch noch weitere 50 Jahre überstehen.


Ich habe trotzdem 3cm dicken Schaumstoff grob der Sitzfläche entsprechend mit der Schere zugeschnitten.


Auf die Sitzfläche habe ich zunächst etwas Jutestoff gelegt und mit Sprühkleber fixiert, in der Hoffnung, dass kein Stroh später irgendwie den Schaumstoff stören würde. Den Sitz-Schaumstoff habe ich auch mit Sprühkleber festgeklebt. Für die Rückenlehne habe ich zu erst in der Mitte den 1cm dicken Schaumstoff festgetackert und dann so gut es ging den Rest gezogen und getackert, bis die Form der Rückenlehne wieder gepasst hat. Den überschüssigen Schaumstoff habe ich zum Schluss abgeschnitten.


Dann habe ich alles mit Volumenvlies überzogen und festgetackert. Als ich den genähten Überzug für den Sitz drüber gezogen habe, habe ich gemerkt, dass die Front und die Seite des Sitzpolsters recht leer wirkten. Also habe ich alles nochmal abgezogen und nachgelegt mit Volumenvlies.


Damit das Strohgelumpe zurückgehalten würde, habe ich erst mal Jute oben am Schaumstoff festgeklebt. Und dann das Volumenvlies so gefaltet, dass es bis zu drei Lagen dick war. Oben und unten habe ich es aber ein- bzw zweilagig gelassen, damit es einen sanfteren Übergang zur Sitzfläche gibt.


Die alten Teile vom ehemaligen Bezug habe ich als Vorlage für die neuen Stoffteile genutzt. Da mein Stoff allerdings fast gar nicht dehnbar war, musste ich bei der vorderen Rückenlehne später nachbessern, um einen anschmiegsamen Bezug zu erhalten.


Paspelnähen ist SO befriedigend! Es sieht einfach ganz fix richtig professionell aus und ist wirklich einfach. Dazu einfach den breiten Stoffstreifen zur Hälfte falten und eine Kordel in die Seite beim Stoffbruch einschließen. Mit einem Reißverschlussfuß so nah wie möglich mit geradem Stich die Papsel nähen.


Die Nahtzugabe der Paspel auf brauchbare Breite  zurückschneiden und mit dem gleichen Nähfuß feststeppen.


Anschließend das Seiten-/Frontteil an die Sitzfläche nähen. Ebenfalls ganz dicht an der Paspel mit dem Reißverschlussfuß. Es ist übrigens sinnvoll, das Seitenteil nicht vollkommen bis zum Ende der Paspel mit der Sitzfläche zu vernähen. Das Seitenteil wird später mit der Paspel außen um die Rückenlehne geführt, die korrespondierende Sitzfläche verschwindet unter der Lehne.


An die Mitte der Sitzfläche habe ich hinten einen breiten Jutestreifen genäht, um den Sitzbezug straff ziehen und am Gestell festtackern zu können. Damit es nicht ausreißen würde, habe ich sowohl mit geraden als auch Zickzackstichen genäht. Anschließend habe ich den Jutestreifen umgeklappt und erneut festgesteppt.


Einmal Sitzfläche, einmal Rückenlehne vorn mit Jute vernäht. Der Jutestreifen ist eingeschnitten, da in der Mitte des Holzgestells eine Rückenstrebe im Weg war.


Hier sieht man links ganz gut, dass ich einen relativ großen Teil der Naht wieder aufgetrennt hatte, um die Stoffteile entlang ihrer Wege zu führen.


Diesen Schritt sollte man am besten mit Hilfe erledigen. Dann kann sich einer aufs Polster werfen und der andere den Stoff unter den Sitz zerren und festtackern.


Nach Kräften das Sitzpolster runterdrücken und dadurch den Stoff für die Rückenlehne reinstopfen können...

So stand der Sessel dann bestimmt 4 Wochen, weil ich mich nicht getraut hatte, die Abnäher zu machen. Obwohl ich den Stoff schon großzügiger zugeschnitten hatte, war es nämlich trotzdem knapp. Also musste ich schlussendlich tatsächlich noch einen extra Keil zuschneiden und einsetzen. 

Zunächst habe ich das ursprüngliche Stoffteil einfach halbiert, auf den Sessel gelegt und geschaut, wie breit das neue Stück Stoff sein muss.
Schon krass, wie viel ich dann tatsächlich einsetzen musste, damit der Stoff sich locker um die Lehne legen und festtackern ließe. Das wäre ohne den Schnitt mit der neuen Polsterung nie um die Lehne gegangen... Um die halbwegs richtige Größe des neuen Keils herauszufinden, habe ich Schnittmusterpapier aufgelegt. Das ist ähnlich unstretchig wie mein Stoff, also hat es sich auch eher schlecht an die gewölbte Lehne geschmiegt. Ich habe die überschüssigen Papierfalten wie Abnäher weggefaltet und teilweise das Papier nochmal eingeschnitten und halb auseinandergezogen, um den passenden Keil zu finden.


Trotzdem war die Lehne noch nicht so ebenmäßig, wie ich das wollte. Also habe ich mich für einen weiteren Abnäher entschieden. Dazu habe ich den Stoff auf links gedreht. Vorher schon mal grob die Mitte markiert und dann mit Stecknadeln und Wonderclips überschüssigen Stoff abgesteckt. Ganz oben an der Kante der Lehne war der Abnäher bloß Millimeter dünn. Die breiteste Stelle des Abnähers war im oberen Drittel.



Die nächste Phase, in der ich tief in mich gehen musste, zog sich bestimmt auch über 2 oder 3 Wochen hin und hatte die Ecken der Lehne zum Thema. Da der Stoff definitiv immer noch nicht dehnbar war, um ihn einfach über die Ecken zu ziehen, musste ich notgedrungenerweise Falten legen.
Dazu hatte ich den Stoff erstmal oben mittig provisorisch festgetackert und die Falten mit Stecknadeln fixiert und getestet, ob das halbwegs symmetrisch wäre.
Als ich glücklich mit den Falten war, habe ich den Rest festgetackert.

Hin und wieder musste ich den Stoff einschneiden, damit er keine ungewollten Falten schlagen würde.


Das Seitenteil dann auch noch festtackern.


Die alte Pappe war durch. Also war ich bei Modulor und habe eine neue gekauft, die alte als Vorlage genommen und mit einer Schere zugeschnitten. Die Pappe hatte ich so weit es ging gewölbt. 


Den rückwärtigen Stoff habe ich zunächst mit der guten Seite auf die Rückenfläche gelegt und an ein paar Punkten recht weit unten festgetackert. Anschließend habe ich die Pappe oben und unten darübergetackert. Dabei habe ich etwas Platz zur Seite gelassen, um den Stoff später unter die Pappe stecken zu können.


Hier müssen gerade mal die Fotos der Instagram Stories aushelfen... Der Stoff wurde über die Pappe geklappt, halbwegs passend abgeschnitten und einfach unter die Pappe an der Seite gestopft. 
Ich hatte die Pappe auch eine Weile mit Spanngurten um den Sessel drumherumgewickelt, damit sie sich besser wölben würde. Kurzzeitig hatte ich auch überlegt, ob ich die Pappe etwas feucht sprühen sollte, damit sie die Form noch besser annimmt. Hab mich dann aber nicht getraut.


Für den Feinschliff habe ich dann mit vierfachem Faden und einer Ahle die Seiten vernäht. Gut kann ich das nicht. Man sieht leider die Wellen der Handnaht.
Alternativen wären übrigens ebenfalls zu tackern und die Tackerspuren mit einer aufgeklebten Paspel zu verdecken.


Die Holzkante am Rücken unten war recht hart und hat mir ein wenig Sorge gemacht, ob das mit der Zeit nicht den Stoff aufscheuern würde. Also habe ich noch ein wenig Volumenvlies dazwischengeschoben. Man sieht es schlecht, aber für einen sanfteren Übergang habe ich ca ein Drittel ausgedünnt. Einfach ein bisschen weggerupft...


Mein Tacker schießt nur, wenn er sich wirklich sicher ist, dass der Tacker auch Kontakt zu einer festen Oberfläche hat. Ist nett, da ich so etwas weniger Angst vor freifliegenden Tackerklammern haben muss... Allerdings etwas unpraktisch, da die schrägen Beine einfach keinen rechtwinkligen Vollkontakt des Sicherheitsbügels erlaubt haben. Also musste mit Nägeln von Hand nachgebessert werden. 


Ich hoffe, ihr traut euch auch ans Polstern. So schwer war es gar nicht. Nur zeitintensiv ;)

Dieser Post ist auch beim Creadienstag zu finden.

Kommentare:

  1. Da kann ich nur sagen: Respekt! Das ist schon ein umfangreiches Projekt und für einen Laien super umgesetzt. Polstern ist ein grosser Teil meines Berufes, ich war viele Jahre selbständig in der Branche und habe mit grosser Neugier gelesen. Dass Du das handgenähte Polster zu schätzen wusstest freut mich. Denn es stimmt: ein gut angefertigtes Polster hält meist noch viele Jahre. Was in ordnung ist, darf bleiben :). Ein wohliger Seufzer der Erleichterung wenn zumindest die Watte alles bedeckt, oder? Das hat nach dem Geriesel und dem alten "Drunter" irgendwie etwas jungfräuliches. Das ein Fachmensch für viele Arbeitsschritte noch ein paar Tricks und solide gelernte Handgriffe auf Lager hat ist ja klar, aber was ganz man sich ganz leicht für ein nächstes mal merken kann ist: Falten werden so gelegt, dass es nicht reinstauben kann. Also die Öffnung der Falte sofern möglich immer "nach unten". Und Handnähen nimmt oft einen Großteil der Arbeit ein. Da der Gestaltungsspielraum ja meist den Gegebenheite folgt, kann der Rücken zB mit einer Paspel eingefasst werden und wird dann angenäht- so fällt die Handnaht weniger auf. Der Sessel ist auf jeden Fall grosses Kino!
    Gan liebe Grüsse
    Wiebke

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    1. Liebe Wiebke,
      dein Kommentar hat mich wirklich wahnsinnig gefreut! Dein Tipp mit den Falten klingt super einleuchtend und im Nachhinein ärgere ich mich jetzt ein bisschen, dass ich mich dazu nicht vorher schlau gemacht, bzw selbst daran gedacht habe.
      Aber trotzdem vielen lieben Dank für das dicke Kompliment :)
      Liebe Grüße,
      Marie

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  2. Du liebe Zeit, liebe Marie!
    Ich hätte nie und nimmer erwartet, dass das Polstern eines Sessels so spannend sein kann! Wow. Das Ergebnis ist super schön und ich weiß jetzt, warum professionelles Polstern so teuer ist.
    Lieben Gruß
    Jukia

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    1. Hallo Julia,
      dass der Blogpost spannend werden würde, hatte ich nicht erwartet :D freut mich aber und ich musste gerade echt lachen ;)
      Liebe Grüße,
      Marie

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