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Samstag, 6. Februar 2016

Jean Paul Gaultier Ausstellung in München

Letzte Woche war ich nach ein wenig Überzeugungsarbeit mit meinem Mann in München. Ich bin zwar kein Fan von Jean Paul Gaultier (Elie Saab, Zuhair Murad, Marchesa, Zac Posen und Reem Acra würden mich vor Begeisterung und Aufregung ganz quieksig werden lassen), aber die Chance mal Couture zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Die Ausstellung an sich ist recht nett gemacht und ist die erste, die ich über Mode besucht habe. Daher kann ich leider keine Vergleiche anstellen. Dennoch möchte ich allen halbwegs Interessierten den Besuch der Kunsthalle München empfehlen, der noch bis zum 14.02.2016 möglich ist.
"Erstes Korsettkleid"- F/S 1983
Der erste Raum war glücklicherweise direkt voller Stücke, die meinen Geschmack ziemlich gut getroffen haben. Es gab viele pudrige Töne, Tüll, geometrische Linien in Form vom Korsett-Applikationen und interessante Formen. Auf die Spitztüten konnte ich allerdings verzichten. Momentan kann ich denen nichts abgewinnen. 
Den Rest des Korsettkleids fand ich aber sehr interessant mit den verschiedenen aufgesteppten Samt- und Ripsbändern und der Linienführung. 
Der Tüllrock ist schludriger genäht, als ich es erwartet hätte. Da brauche ich mir für mein Hochzeitskleid echt keine Vorwürfe machen, wenn ein Designer mit seinen exzellenten Näherinnen so etwas den Laufsteg runterschickt. Vielleicht ist das aber einfach total in Ordnung so, und geht/ging nicht besser.

Auf den kleinen Täfelchen unterhalb der sich drehenden Puppen stand jeweils auf Deutsch und Englisch der Name des Kleidungsstück, aus welcher Kollektion es stammt, und was sonst noch von Interesse ist. Welches Pop-Prinzesschen zum Beispiel schon mal darin gesungen hat. Die Konstruktion des Bodys auf der linken Seite fand ich super interessant und hätte gern mehr darüber gewusst. Die Verarbeitung verschiedener Farben und Materialien bei dem Kleid auf der rechten Seite fand ich bewundernswert. Gern würde ich ganz natürlich solche Kombinationen erdenken und nicht ewig und drei Tage verschiedene Stoffe aneinander halten, um mich dann doch nicht entscheiden zu können.
"Heiligenschein"- F/S2007
Der nächste Raum war mit dem extrem blauen Hintergrund recht anstrengend für die Augen. Dafür fand ich aber die Projektionen der Gesichter auf die Puppen bemerkenswert. Mal hatten sie die Augen geschlossen, mal blickten sie umher oder redeten und sangen sogar hörbar, wenn auch nicht immer schön. Dadurch wirkten die Kleider nochmal lebendiger.
Gerade in diesem Raum fiel mir auf, wie unterschiedlich, verarbeitete Stoffe auf Bildern und in real wirken. Einige Kleider waren aus Seidenmusselin, der sicherlich nicht billig ist, aber irgendwie nicht so hochwertig aussah, wie ich es gedacht hatte.

Richtig faszinierend fand ich dieses Korsett in der Verarbeitung. Metallscharniere mit Löchern wurden auf der Unterkonstruktion nicht direkt mit Stichen befestigt. Stattdessen wurde der Faden durch eine Perle gezogen, die auf dem Loch saß und so das Metall fixierte. Eine spannende Alternative zu sichtbaren Nähten und ein tolles Detail.
"Laskar"-F/S2000
Toll fand ich auch den Übergang der Federn auf dem Kleid. Sie sind nicht zu starr in das Streifenmuster gepresst, sondern mit kleinen Ausreißern hier und da in dem Farbwechsel.
"Kleid aus Spitze mit Matrosenstreifen"-F/S 1997
Ich könnte schwören, dass ich schon ähnliche Oberteile mit wechselnden Spitzenstreifen in letzter Zeit in Klamottenläden gesehen habe. Von Nahem betrachtet und mit dem Hintergedanken an Tally Weijl und Co könnte das Kleid recht billig wirken. Von Weitem allerdings finde ich den Effekt der alternierenden Spitzen sehr gelungen.
"Bateau Lavoir-Kleid"- F/S 2011
Ab und an hatte man das Gefühl, dauernd das gleiche Kleid zu sehen. Matrosenstreifen sind ja aber JPGs Markenzeichen und ich werde mich bestimmt nicht über dunkeldunkeldunkelblaue, meerjungfrauschnittige Kleider beschweren. Bei diesem Kleid fand ich den Übergang der Streifen sehr interessant. Gerade an den Ärmeln erinnerte mich dieses Design an Rüstungen von früher. Ein toller Gegensatz zu den zarten Organdy- und Organza-Streifen.
Am Ende des zweiten Raumes angekommen, fand mich meine Begleitung wieder und fragte halb hoffend, halb wissend, ob ich tatsächlich noch nicht die anderen Räume gesehen hatte...
Ich hatte mir halt Zeit genommen, teilweise die Nase fünf Zentimeter von Nähten und Details entfernt, und war nach fast 40 Minuten nur in zwei Räumen gewesen. Leicht entsetzt lief er dann weiter, auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit, während ich einen Filmzusammenschnitt von Madonna, Kylie Minogue und anderen Bühnenmomenten mit Gaultiers Kreationen ansah.
"Lachs-farbener Korsett-Body mit konischen BH-Körbchen"-1990
Mehr Pudertöne, Spitztüten und Korsetts. Die Detailarbeit war aber bemerkenswert und gefiel mir sehr gut.
"Die heiratsfähige Tochter"- H/W 2015/16
Bei diesem Kleid fiel mir tatsächlich  die Kinnlade herunter. Designtechnisch spricht es mich jetzt nicht unbedingt an, aber die Detailarbeit und Ideen dahinter fand ich erstaunlich.
"Zauberin"- H/W 2004/06
An diesem Kleid begeisterten mich vor allem die Metallverzierungen und die Linienführung der Anordnungen. Laut Beschreibung hat es 132 Stunden für die Fertigung benötigt.
"Hokuspokus"- H/W 2003/04
Leider war es in diesem Raum sehr dunkel, sodass ich nicht genug erkennen konnte. Wenn ich mich aber nicht täusche, war die einzige Naht im Spitzenüberzug vom Korsett unterhalb der Arme entlang der Rippen zur Taille hin. Die Chantilly-Spitze ist sicherlich leicht elastisch (oder ist Chantillyspitze nie elastisch?), aber trotzdem fand ich diesen Abnäher sehr elegant gelöst. 
"Wüstenstaaten (Nana Mouskouri)"- H/W 2010/11
Diese kupferfarbenen Plättchen müssen irgendwie aufgestickt worden sein... In der Beschreibung stand nichts zur Fertigungsdauer, sollte das aber per Hand passiert sein, wird es einiges an Zeit beansprucht haben. Das zeitintensivste Stück der Sammlung hat meines Wissens nach 1000 Stunden Handarbeit gefordert. Ich habe davon kein Foto gemacht, weil ich es ansonsten nicht so fesselnd fand. Aber dieses kupfrig-schwarze Outfit fand ich schön.

Und zum Schluss ein bisschen für uns Perfektionisten unter den Hobbynähern. Ich glaube, ich habe durchaus schon solche Doppelnähte, die nicht parallel verliefen, wieder aufgetrennt. 
Es ist doch recht tröstlich, dass selbst super Näher(innen) so was auch mal hinnehmen.

Was bei dem rechten Kleid passiert ist, kann ich mir gar nicht recht erklären. Ich hoffe, das kam durch Patzer beim Anziehen der Puppe... Wobei dadurch der Streifen unter der Achsel nicht so schmal werden dürfte. Generell war ich gerade bei diesem Kleid erstaunt, dass die Organdy und Organza Streifen überhaupt nicht versäubert waren. Hätte man den oberen Streifen zurückgezogen, hätte man die Steppnaht und die rohe Kante der unteren Stofflage gesehen. (Durch Verbiegen und ganz nah Ranbeugen konnte man das aber auch ohne Anfassen erspähen)

Auch wenn ich jetzt hier an einigen Stellen gemeckert habe, fand ich die Ausstellung wirklich sehr interessant und lehrreich. Ich habe gute anderthalb Stunden darin verbracht, wobei die meiste Zeit definitiv auf die ersten beiden Räumen entfallen ist. Zu gern hätte ich manche Stoffe angefasst oder auf die Verarbeitung auf der Innenseite geschaut, um etwas zu lernen. Natürlich war das verboten und wäre mir auch nie eingefallen. Im Vorraum stand ein Glitzerkleid, welches eine Frau tatsächlich angefasst hat. Ich glaube, mir ist alles aus dem Gesicht gefallen, als ich das gesehen habe... Wenn das alle Besucher machen würden, wären die Kleider ziemlich schnell ziemlich schäbig...

Kommentare:

  1. Das sind wirklich sehr tolle Eindrücke :)


    Allerliebste Grüße,
    HOLYKATTA || INSTAGRAM

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  2. Mir geht es da sehr ähnlich, für eine Elie Saab-Ausstellung (Murad, Marchesa ebenso) würde ich glatt in den nächsten Zug steigen. Aber deine Bilder finde ich trotzdem sehr spannend, vor allem was die Details angeht. Gaultier ist mir ansich meistens zu abstrakt, aber ich kann mir stundenlang Youtube-Dokus über die Handarbeit hinter den Haute-Couture-Kleidern angucken... Die Stickereien von Lesage für Chanel und überhaupt so Sachen wie die Kupferplättchen...haaaaach... :D

    Liebe Grüße von Lici (die zwar eine Tambour-Nadel hat, sich aber noch nicht rantraut)

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